Am Samstag, den 29. August feierten Tausende bei schönem Wetter das diesjährige Aschaffenburger Stadtfest. In den Straßen draußen fanden die unterschiedlichsten Musikevents statt und Groß und Klein genossen bei leckerem Essen und Getränken die Fülle von Begegnungen. In der gelb und blau ausgeleuchteten St. Agatha-Kirche direkt am Marktplatz drinnen fand zu dieser Zeit ein besonderes Musikereignis statt. Anlässlich des 35. Jahrestags der Unabhängigkeit der Ukraine und wegen des inzwischen mehr als vier Jahre dauernden Angriffskriegs durch Russland gingen deutsche und ukrainische Musiker gemeinsam auf die Bühne. Gerade zu diesem Stadtfest setzten sie einen starken Akzent der Solidarität. Der ukrainische Geiger Roman Soltys hat befreundete Musikerkolleginnen und -kollegen eingeladen, ihre tiefe Verbundenheit zu seinem Heimatland zum Ausdruck zu bringen. Die Solidarität sollte ganz tatkräftig werden durch die Kooperation mit dem in Aschaffenburg ansässigen Verein „Sonetschko Kinderheimhilfe Ukraine e. V.“ Um es gleich vorwegzunehmen: Die Besucher*innen der voll besetzten Marktkirche St. Agatha, die unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde, haben die bravourösen Auftritte der Künstlerinnen und Künstler aus vollem Herzen honoriert. Diese hatten auf ihre Gage verzichtet, und so konnte dem Initiator des Sozialvereins, Robert Eidenschink, ein Konzerterlös von knapp 3.200 Euro als Spende für Kinder in der Ukraine überreicht werden. Das ist etwas ganz Besonderes, das Aschaffenburg auch feiern darf.
Mit der ukrainischen Nationalhymne markierte Karsten Schwind an der Orgel den angemessenen Start für das Konzert. Im Folgenden führte Björn Brumhard gekonnt und facettenreich durch das Programm. Dargeboten wurden ukrainische Stücke traditioneller und zeitgenössischer Komponisten des Landes – auch Volkslieder und populäre ukrainische Songs mit professionellen Arrangements und wechselnden Instrumentierungen.
Virtuos erweist sich Andriy Fesenko auf seinem Knopfakkordeon bei der Darbietung des ukrainischen Volksliedes „Gandzia“. Aktuell ist er mit dem Programm „Akkordeon für den Frieden in der Ukraine“ mit einer eigenen Benefiz-Solotour in ganz Deutschland unterwegs. Voll Gefühl und mit gekonnten Tempiwechseln präsentiert er später die Ukrainische Fantasie von Vasyl Popadiuk.
Antonina Mur, Klavier, und Andriy Vorozheykin, Querflöte, bilden das „Just-Duo“. Beide Künstler sind in Darmstadt zu Hause, wo sie auch als Klavierlehrerin erfolgreich tätig ist. Ihr Ehemann ist Saxofonist und Flötist und leitet die Abteilung für Blasinstrumente und Schlagzeug an der Städtischen Musikschule Aschaffenburg. Mit musikalischer Rafinesse entführen sie das Publikum mit einem Stück von Volodomir Huba in eine „Landschaft in den Karpaten“ und präsentieren später Rudolf Svirskyjs Ukrainische Rhapsodie.
Antonina Mur und Roman Soltys (Violine), die bereits mehrere Konzerte gemeinsam veranstaltet haben, bereichern mit der „Carpathian Rhapsody“, einem Werk des bedeutenden ukrainischen Komponisten Myroslav Skoryk, den musikalischen Bilderreigen. Roman Soltys schließt mit dem „Lied vom Handtuch“ ein Violinsolo an, das 1958 als lyrisches Lied entstanden ist und Erinnerungen an die mütterliche Liebe beschreibt.
Sehr bewegend standen an diesem Benefizabend drei ukrainische Lieder im Zentrum, die Andreas Lippert, Cello, für Querflöte und Violoncello meisterlich arrangiert hat. Zusammen mit Ute Heininger-Lippert, Flöte, präsentierte das Aschaffenburger Duo die Lieder „Zwei Farben“, das Frühlingslied „Cheremshyna und „Ich will zu fernen Bergen gehen“. Das sensible Zusammenspiel und der feinfühlige Klang des Duos trugen sich durch den ganzen Kirchenraum und vermochten mit den eindrücklichen ukrainischen Volksweisen manchen Zuhörer im Herzen anzurühren.
Mit einem „Lied“ schafft Karsten Schwind an der Orgel einen ganz speziellen Moment an diesem Konzertabend. Es war den Menschen in der Ukraine, ihrem Leid und den Opfern des Krieges gewidmet. Betroffen macht allein der Blick auf die Schicksale der Kinder in diesem Krieg: 735 getötete, 2836 verwundete und 2369 vermisste Kinder sind zu beklagen. An dieser Stelle informiert Robert Eidenschink, der Gründer und Vorsitzende des Vereins „Sonetschko Kinderheimhilfe Ukraine e.V.“ über das 2005 gegründete Projekt und seine vielfältigen Hilfen. Er macht nochmal eindringlich deutlich, wie sehr die Menschen in der Ukraine unsere Solidarität, unser Mitgefühl und unsere Unterstützung brauchen. Mit dem „Stillen Gebet“ von Mykhailo Shuk rundet Karsten Schwind diese eindrückliche Schilderung ab. Roman Soltys und Karsten Schwind bereicherten den Abend ebenfalls um das Stück „Melody“ von Myroslav Skoryk. Hier hatte Karsten Schwind das Arrangement für Orgel und Violine übernommen
Den Abschluss des Benefizkonzerts bildete der eingängige Popsong „Chervona Ruta“ (Rote Weinraute) von Volodymyr Ivasyuk. Antonina Mur präsentierte in als Sängerin im musikalischen Quartett. Als Zugabe interpretierten Andriy Fesenko, Ute Heininger-Lippert, Roman Soltys und Andreas Lippert das Volkslied „Rodyna“ (Familie) von Nazarij Yaremchuk, ein Symbol für familiäre Wärme und Zusammenhalt. Am Ende des Abends fand Roman Soltys selbst nochmals herzliche Worte des Dankes an das Publikum, den Moderator und vor allem seine hervorragenden Musikerkolleginnen und -kollegen.
Robert Flörchinger,
St. Agatha – Kirche am Markt, Aschaffenburg e.V.

